Veranstaltungen mit Deutscher Gebärdensprache

Diskriminierungskritischer Leitfaden für Organisator*innen

Bild mit Text: #DGS, Veranstaltungen mit Deutscher Gebärdensprache, diskriminierungskritischer Leitfaden für Organisator*innen

Einleitung: Antidiskriminierung

Konzept und Ansprache

  • Das eigene Konzept hinterfragen
  • Selbstrepräsentation ermöglichen
  • Die richtige Formulierung verwenden
  • Sprache und Verständlichkeit
  • Wie erreiche ich Taube Communitys?
  • Verschiedene Zielgruppen im Blick haben
  • Aber was, wenn sich dann keine Tauben Teilnehmenden anmelden?
  • Recherchieren und DGS lernen!

Veranstaltungsorganisation: Vorbereitung

  • Budget realistisch kalkulieren
  • Anfrage für Verdolmetschung
  • Zusammenarbeit mit Tauben Referent*innen
  • Kommunikation planen
  • Anmeldungen zugänglich gestalten
  • Referent*innen und Moderation gut vorbereiten

Am Veranstaltungstag (Präsenz)

  • Beleuchtung, Platzierung
  • Gute Gastgeber*innen sein
  • Akustische Signale übersetzen
  • Pausen bei Präsentation
  • Danksagungen
  • Wie machen es andere Veranstalter*innen?

Am Veranstaltungstag (online)

  • Unterstützung bei der Technik
  • Zeit einplanen
  • Gruppenarbeit planen

Antidiskriminierung in der Praxis entwickeln

  • Links zur Recherche
  • Links International
  • Selbstvertretungsorganisationen
  • Verschiedene DGS-bezogene Dienstleistungen (z.B. DGS-Videos und Verdolmetschung)
  • Weitere Links Social Media

Über diesen Leitfaden

Einleitung: Antidiskriminierung

„Oft besteht die Erwartung, dass wenn Dolmetschende eingesetzt werden oder das Angebot für Taube Menschen konzipiert ist, diese dann Schlange stehen vor den Institutionen. Aber es ist nicht genug, einfach nur eine*n Dolmetscher*in auf die Bühne zu stellen.“ – (Silvia Gegenfurtner)

Viele Kulturinstitutionen haben in den letzten Jahren begonnen, bei öffentlichen Veranstaltungen Verdolmetschung zwischen Deutsch und Deutscher Gebärdensprache (DGS) anzubieten, oder damit zumindest erste Erfahrungen gemacht. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.

Die gut vorbereitete Einbindung von Tauben Mitwirkenden und Teilnehmenden ist eine aktive Antidiskriminierungsmaßnahme, die Zugänge schafft und Vernetzung ermöglicht.

Leider gelingt dies nicht immer. Problematisch ist eine rein „symbolische“ Verdolmetschung, die kein Taubes Publikum erreicht oder die Inhalte nicht korrekt widergibt (weil etwa die Dolmetschenden kein Vorbereitungsmaterial bekommen haben). Im schlimmsten Fall wiederholen sich dabei Diskriminierungserfahrungen für Taube Teilnehmende, z.B. wenn die Inhalte lückenhaft bleiben.

Wichtig zu wissen: Es gibt für den derzeitigen Bedarf zu wenig ausgebildete Dolmetschende, die zur Verfügung stehen. Wenn ihr diese also beauftragt, sorgt dafür, dass das Angebot auch wirklich Taube Interessierte erreicht. 

Wie das geht, erfahrt ihr in diesem Leitfaden. 

Konzept und Ansprache

Das eigene Konzept hinterfragen

Partizipation von Tauben Menschen bedeutet nicht nur deren Anwesenheit, sondern auch die aktive Einbindung in Entscheidungsprozesse, Inhalte und Gestaltung – in ihren Gebärdensprachen. Inklusion ist nämlich kein nice-to-have, über dessen Umsetzung hörende Menschen allein bestimmen, sondern ein international anerkanntes, in der UN-Behindertenrechtskonvention verankertes Menschenrecht.

Daher sollten eure ersten und selbstkritischen Fragen lauten: Warum möchten wir Taube Menschen zu unserer Veranstaltung einladen und welche Rolle spielen die Tauben Communities in unserer Veranstaltung? Was ist unsere Haltung: möchten wir wirklich Barrieren abbauen und Zugang ermöglichen?

Überlegt, ob eure Veranstaltung für Taube Menschen überhaupt interessant ist, beziehungsweise wie sie interessant wird. Gibt es im Team oder im Programm Personen/Mitarbeitende, die DGS-kompetent sind und/oder bestenfalls selbst Taub sind? Bindet am besten von Beginn an Taube Menschen in die Konzeption eurer Veranstaltung ein, damit ihr Taubes Publikum auch wirklich erreicht. Vergütet Taube Menschen, die euch dabei beraten, angemessen.

Falls ihr bereits bei Veranstaltungen Erfahrungen mit Einbindung von DGS sammeln konntet: Was hat gut geklappt, was kann verbessert werden?

Selbstrepräsentation ermöglichen

Verdolmetschung ist gut, Selbstrepräsentation ist besser! Wenn ihr bei der Veranstaltung auch Beiträge Tauber Referent*innen anbietet (deren Beiträge dann in Lautsprache verdolmetscht werden), wird eure Veranstaltung für Taube Personen deutlich interessanter.

Die Tauben Communities sind divers und haben eine eigene Kulturszene. Es wird auch viel über Diskriminierungen diskutiert, zum Beispiel darüber, was schieflaufen kann, wenn Hörende anfangen, sich für DGS zu interessieren. Problematisch wird es, wenn Hörende wirtschaftlichen Profit mit der DGS machen und sich öffentlich damit präsentieren, während Tauben Menschen weiterhin die Bühne verwehrt bleibt. Informiert euch über Deaf Cultures/Taubenkultur direkt bei Mitgliedern der Communities. Wichtige Themen sind zum Beispiel die Anerkennung der DGS als Minderheitensprache, Privilegien von hörenden Menschen und Machtkritik. Auch hier gilt: Beratungsleistung und Expertise vergüten.

Die richtige Formulierung verwenden

„Taub“ und „gehörlos“ sind die gängigsten Varianten der Selbstbezeichnung. Es gibt verschiedene Schreibweisen, die unter Tauben Menschen diskutiert werden, z.B. „Taub“ mit großem „T“ oder mit „T*taub“. Leider benutzen viele Menschen nach wie vor beleidigende und diskriminierende Sprache, um über Taube Menschen zu reden. Diese sollte niemals verwendet werden: Taube Menschen sind nicht stumm! Darüber hinaus gilt immer: Auf Selbstbezeichnungen achten, diese können individuell unterschiedlich sein. Im Zweifelsfall nachfragen.

Auch beim Bezeichnen der Dolmetschenden gibt es oft Fragen: Der Begriff Gebärdendolmetscher*in ist falsch, hier fehlt die Nennung der DGS als anerkannte Sprache. Gängig sind: Dolmetscher*in für DGS und Deutsch, Dolmetscher*in für Deutsche Laut- und Gebärdensprache. Manchmal wird auch noch der Begriff „Gebärdensprachdolmetscher*in“ genutzt (kurz GSD).  

Sprache und Verständlichkeit

Nutzt gut verständliche, einfache Sprache in eurer Kommunikation. Dies ist allgemein hilfreich, um vielfältige Zielgruppen zu erreichen. Die Erstsprache Tauber Menschen ist oft die DGS, die eine eigene Grammatik und eigene Regeln hat. Schriftsprachen sind für Taube Menschen meist Zweitsprachen, in denen sich manche sicherer fühlen als andere. Sie sind daher kein Ersatz für fehlende Verdolmetschung/DGS. Komplizierte Einladungstexte stellen eine Barriere dar. Tipps, um eure Inhalte verständlicher zu machen, findet ihr hier.

Der Hinweis, dass die Veranstaltung mit DGS (bzw. Verdolmetschung) stattfindet, sollte in einer Einladung ganz oben platziert und sofort erkennbar sein, möglichst mit dem DGS-Symbol. Alle wichtigen Informationen zur Veranstaltung sollten auf einen Blick zu sehen sein. 

Wie erreiche ich Taube Communitys?

Auf diesen Punkt solltet ihr besondere Aufmerksamkeit legen, denn damit steht und fällt euer „Erfolg“ bei der Partizipation Tauber Interessierter. 

Nicht nur bei der Konzeption, sondern auch bei der Bewerbung eurer Veranstaltung solltet ihr mit Tauben Menschen zusammenarbeiten. Plant am besten von Anfang an ein Einladungsvideo in DGS. Ein Video spricht Taube Menschen gezielt an und kann gut über soziale Netzwerke geteilt werden. Das Video kann bei einem Anbieter für DGS-Videos oder Einzelpersonen wie z.B. Tauben Dolmetscher*innen in Auftrag gegeben werden. Hier gibt es inzwischen Möglichkeiten, die relativ schnell umsetzbar sind. Achtet darauf, dass Taube Personen an der Produktion beteiligt sind. Das Video sollte möglichst auch Untertitel haben und hochkant sein. Von der Länge her sollte es gängige Formate für Social Media nicht überschreiten. Teilt die Einladung über Social Media. Dort kann sie gut in den DGS-Communitys geteilt werden. Beschränkt euch auf die wichtigsten Informationen zur Veranstaltung und verwendet auf den Plattformen, die ihr nutzt, Hashtags wie #DGS, #gebaerdensprache, #deaf, #taub, #gehoerlos, #signlanguage.

Bittet die Akteur*innen im Team, die Kontakte zu Tauben Communitys haben, die Einladung über ihre Netzwerke zu teilen. Kontaktiert Taube Vereine, Einrichtungen oder Initiativen, die zu eurer Veranstaltung passen, und ladet so Taube Menschen direkt ein. Ihr könnt außerdem darum bitten, dass eure Einladung auch von ihnen verbreitet wird. Mögliche Akteur*innen sind zum Beispiel: Taubenschlag, Deutsche Gehörlosen-Zeitung, Berliner Gehörlosenverband, Sinneswandel, jubel³ mit Gebärdensprache e.V. Bei Taubenschlag und der Deutschen Gehörlosenzeitung könnt ihr eure Veranstaltungen selbstständig eintragen. Weitere wichtige Akteur*innen findet ihr in unserer Linksammlung

Verschiedene Zielgruppen im Blick haben

Einige Taube Menschen, insbesondere Spätertaubte, sowie viele schwerhörige Menschen sind lautsprachorientiert. Für sie bedeutet das Anbieten von Veranstaltungen mit DGS keinen (ausreichenden) Barriereabbau. Um die Veranstaltung auch für sie zugänglich zu machen, kann bei Sprachbeiträgen mit (Live-) Untertitelung gearbeitet werden. Zeigt Filmbeiträge und Videos immer mit Untertitelung. Auch viele Taube Menschen, deren Erstsprache die DGS ist, präferieren untertitelte Videos. 

Für schwerhörige Menschen können Veranstaltungen außerdem mit einer Induktionsanlage zugänglich gemacht werden. Macht in der Einladung darauf aufmerksam, wenn ihr über eine Induktionsanlage verfügt, am besten mit dem entsprechenden Symbol. Induktionsanlagen können auch ausgeliehen werden. Menschen, die ein Hörgerät oder Cochlea Implantat(e) nutzen, können sich in der Regel mit der sogenannten T-Spule direkt mit dem über die Induktionsanlage eingespielten Ton verbinden. Detaillierte Infos dazu gibt es hier. Alternativ können Apps wie z.B. die LiveVoice-App genutzt werden, um Inhalte ohne Nebengeräusche zu übertragen. 

Wir empfehlen euch grundsätzlich, bei der Anmeldung zur Veranstaltung eine Bedarfsabfrage zu machen. Fragt die Eingeladenen im Anmeldeformular, was sie brauchen, um gut an der Veranstaltung teilzunehmen. Hieraus ergeben sich gegebenenfalls andere oder weitere Aspekte, um eure Veranstaltung möglichst zugänglich zu gestalten.

Aber was, wenn sich dann keine Tauben Teilnehmenden anmelden?

Lasst euch davon auf keinen Fall entmutigen. Auch gute Vorbereitung ist keine Garantie, dass für eure Veranstaltung Taubes Publikum plötzlich „Schlange steht“. Ihr könnt aber in der Konzeption und Kommunikation eine Menge dafür tun, dass ihr Interesse weckt. Wie bei jeder neuen Zielgruppe, die erreicht werden soll, braucht es Vertrauensarbeit und Geduld. Wenn sich herumspricht, dass ihr regelmäßig Veranstaltungen mit Einbindung von DGS anbietet, dann werden auch mehr Taube Interessierte auf euch aufmerksam. Holt euch nach der Veranstaltung auch von ihnen Rückmeldung: Hat die Verdolmetschung gut funktioniert? Was könnte verbessert werden?

Recherchieren und DGS lernen!

Bildet euch auch nach der Veranstaltung selbst fort! Was sind wichtige Selbstbezeichnungen und Diskussionsfragen für Taube Menschen? Was sind die Geschichten der Tauben Communitys und ihrer Sprache(n)? Mit welchen Diskriminierungen und Barrieren haben Taube Menschen / Communitys zu kämpfen? Wie funktionieren Gebärdensprachen? Anhaltpunkte findet ihr im Wörterbuch von Diversity Arts Culture. Weitere grundlegende Infos zum Thema findet ihr unter nicht-stumm.de und in unserer Linksammlung. Besucht einen Kurs zu Deutscher Gebärdensprache (bei einer*m Tauben Lehrer*in), um euer Wissen zur DGS und den Kulturen Tauber Menschen zu vertiefen.

Veranstaltungsorganisation: Vorbereitung

Budget realistisch kalkulieren

Informiert euch über die aktuellen Preise und berechnet das Budget für Verdolmetschung und die Kommunikationsmaßnahmen (z. B. ein DGS-Video) realistisch. Ja, das ist ein beachtlicher Kostenfaktor, wenn das Budget knapp ist. Gleichzeitig ist es so, dass die Partizipation von Tauben Menschen als aktive Antidiskriminierungsmaßnahme die Perspektiven und Netzwerke eurer Veranstaltung erweitert, wovon alle profitieren.

Anfrage für Verdolmetschung

Eine frühzeitige Anfrage der Dolmetschenden ist sehr wichtig. Sie kommt ganz zu Anfang eurer Veranstaltungsplanung, eventuell schon bevor ihr die Referent*innen festgelegt oder den Raum gebucht habt. Ihr solltet mindestens 8-12 Wochen Vorlaufzeit einplanen, denn der Bedarf an DE-DGS-Verdolmetschung ist sehr hoch. Erfragt die Stornoregeln der jeweiligen Dolmetschenden, sodass ihr bei Terminänderungen notfalls verschieben oder absagen könnt. 

Ab einer Stunde Dolmetschzeit arbeiten Dolmetschende immer in Zweierteams. Es sollte in Erwägung gezogen werden, Teams aus hörenden und Tauben Dolmetscher*innen einzusetzen, insbesondere, wenn künstlerische Beiträge geplant sind. Dann braucht ihr bei Einsätzen ab einer Stunde jeweils zwei hörende und zwei Taube Dolmetschende. Das kostet zwar mehr Geld, aber: Taube Dolmetscher*innen können als Erstsprachler*innen der DGS eine besondere Übersetzungsqualität leisten.

Beim Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher*innen findet ihr die Kontakte der dort eingetragenen hörenden Dolmetscher*innen und weitere Informationen. Dort könnt ihr die branchenüblichen Preise für unterschiedliche Einsätze erfragen. Für viele Einsätze orientieren sich Dolmetscher*innen am JVEG (Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz). Fahrt- und Pausenzeiten werden in der Regel auch berechnet. Bei digitalen Einsätzen können Kosten für eine Technikpauschale anfallen. Wenn die Veranstaltung dokumentiert werden soll (Fotos, Filmaufnahmen), ist zusätzlich die Rechteübertragung zu klären und gegebenenfalls zu vergüten. Es gibt leider keine etablierten Orientierungswerte für die Berechnung solcher Kosten.

Um gut dolmetschen zu können, benötigen Dolmetschende rechtzeitig vor der Veranstaltung Vorbereitungsmaterial (PowerPoint-Präsentation, Ablaufpläne, Notizen, Videos etc.). Weitere Tipps zur Vorbereitung der Verdolmetschung und wie ihr externe Referent*innen informieren könnt findet ihr hier

Fragt nach der Veranstaltung bei den Dolmetschenden nach, ob alles gut geklappt hat und was beim nächsten Mal verbessert werden könnte. So baut ihr gute Arbeitsbeziehungen auf und gewinnt stetig an Selbstvertrauen in der Organisation von zugänglichen Veranstaltungen.
Für den informellen Teil der Veranstaltung könnt ihr für den Austausch zwischen Teilnehmenden zusätzlich Kommunikationsassistent*innen buchen. Leider gibt es dafür aktuell keine Vermittlungsseite. Erfragt Kontakte bei lokalen Community-Plattformen oder Institutionen, die Assistenzen ausbilden.

Zusammenarbeit mit Tauben Referent*innen

Die Zusammenarbeit mit Tauben Personen als Mitwirkenden ist eine große Chance, von der Tauben Community wahrgenommen zu werden und eure Netzwerke auszubauen. Bedenkt hier, dass ihr auch Verdolmetschung für die Kommunikation in der Vorbereitung braucht. Nicht alle Tauben Personen kommunizieren gern und viel per Mail.

Kommunikation planen

Bedenkt, dass es immer eine Weile dauert, bis eure Infos neue Zielgruppen erreichen, die noch nicht in eurem Netzwerk sind. Ein Video zu erstellen muss nicht lange dauern, aber es braucht dann auch ein bisschen Zeit, verbreitet zu werden. Es sollte am besten gleichzeitig mit eurer anderen Ankündigung online gehen.

Anmeldungen zugänglich gestalten

Versucht, die Anmeldung möglichst barrierearm zu gestalten. Es ist sinnvoll, abzufragen, wer die DGS-Verdolmetschung nutzen möchte. Plant ein Kontingent an Plätzen für Taube Personen ein, die erst spät von der Veranstaltung erfahren haben und sich eventuell erst nach der Anmeldefrist melden. Denkt darüber nach, Präsentationen oder längere Textbeiträge, die bei der Veranstaltung gezeigt werden, im Voraus an die Tauben Teilnehmenden zu schicken. So können sie sich vorher damit vertraut machen und müssen bei der Veranstaltung nicht zwischen Präsentation und Verdolmetschung hin- und herspringen. 

Referent*innen und Moderation gut vorbereiten

Alle, die das Programm planen und auch externe Personen, die ihr für Beiträge bei eurer Veranstaltung einladen wollt, sollten die DE-DGS-Verdolmetschung frühzeitig mitdenken. Unser Leitfaden für Referent*innen hilft euch dabei, sie gut vorzubereiten. Besonders wichtig: Ausreichend Zeit für regelmäßige Pausen.

Am Veranstaltungstag (Präsenz)

Beleuchtung, Platzierung

Die Dolmetschenden stehen oder sitzen in der Regel möglichst nah neben den Vortragenden, damit die Tauben Personen im Publikum nicht hin- und her schauen müssen. Die Dolmetschenden sollten gut beleuchtet sein. Sie kommen meist etwas früher zur Veranstaltung und können euch sagen, wo sie am besten platziert werden. 

Reserviert Sitzplätze in der ersten Reihe mit guter Sicht auf die Dolmetschenden für die Tauben Gäste.

Gute Gastgeber*innen sein

Für den informellen Teil eurer Veranstaltung, zum Beispiel längere Pausen oder Umtrunk vor oder nach der Veranstaltung, ist es sinnvoll, zusätzliche Dolmetscher*innen oder Kommunikationsassistent*innen zu beauftragen (siehe unter „Anfrage für Verdolmetschung“). Stellt Möglichkeiten zum Kontaktaufbau zwischen den Tauben und hörenden Teilnehmenden her. In jedem Fall könnt ihr Zettel und Stifte auslegen, so dass bei Interesse eine schriftliche Kommunikation unkompliziert möglich ist. Achtet auf gute Beleuchtung im Raum.
Geht offen aber respektvoll auf Taube Teilnehmende zu, auch wenn ihr noch keine DGS beherrscht. Seid dabei achtsam, ob das Gegenüber interessiert an Kontakt ist und welche Gesprächsthemen sich für ein erstes Gespräch eignen.

Akustische Signale übersetzen

Bedenkt, dass Taube Personen keine Theaterklingel oder im Notfall auch nicht den Alarm hören. Alternativ kann durch optische Signale wie kurzes An- und Ausschalten des Lichts ihre Aufmerksamkeit erlangt werden.

Pausen bei Präsentation

Lasst bei Präsentationen, die ihr während eurer Veranstaltung zeigt, immer ein bisschen Zeit zwischen den Folien oder Beiträgen. Taube Menschen müssen gebärdete und gezeigte Inhalte gleichzeitig im Blick behalten. Lasst ausreichend Zeit, sodass Taube Menschen neue Inhalte in Ruhe anschauen können.

Danksagungen

Am Ende der Veranstaltung möchtet ihr vielleicht den Mitwirkenden der Veranstaltung danken. Achtet dabei darauf, dass ihr nicht ausschließlich oder überschwänglich den Dolmetschenden dankt. Manchmal passiert es, dass hörende Personen genau das tun. Das ist sicherlich nett gemeint, aber beruht meistens darauf, dass unbewusst die DGS als etwas ganz „Besonderes“ wahrgenommen wird, statt als selbstverständlicher Teil der Veranstaltung. Hörende Dolmetschende machen bei der Verdolmetschung ihren Job, was wie alle anderen Aufgaben auch Anerkennung verdient. Sie sind aber nicht die Repräsentant*innen der Tauben Communitys. 

Wie machen es andere Veranstalter*innen?

Gute Beispiele für Kulturangebote in und mit DGS finden sich z.B. hier: Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, Deutsches Historisches Museum, Poesie handverlesen, Berlinische Galerie, Sophiensæle, FELD Theater

Am Veranstaltungstag (online)

Die meisten Tipps gelten für Online-Veranstaltungen genauso wie für Veranstaltungen in Präsenz: Vorbereitung, Ansprache, Verdolmetschung. Darüber hinaus gibt es einige Erfahrungswerte, die bei Online-Veranstaltungen mit DE-DGS-Verdolmetschung sehr hilfreich sind:

Unterstützung bei der Technik

Sorgt für eine gute Internetverbindung und bittet eine Person aus dem Team, euch bei der Technik mit dem Online-Tool und der Kommunikation mit den Dolmetschenden zu unterstützen. Diese Person sollte sich ganz darauf konzentrieren können und vorher mit der Technik vertraut machen. Die technischen Möglichkeiten ändern sich recht schnell. Informiert euch im Vorfeld, welche Möglichkeiten euer genutztes Online-Tool aktuell für Gebärdensprach-Verdolmetschung anbietet und befragt dazu ggf. die Dolmetschenden. Plant vor Beginn der Veranstaltung ausreichend Zeit ein, um alles richtig einzustellen, gemeinsam mit den Dolmetschenden und den Tauben Teilnehmenden einen Technikcheck zu machen und letzte Fragen zum Ablauf zu klären. Eure „Technik-Person“ sollte für die Dolmetschenden während der Veranstaltung durchgehend ansprechbar sein. 

Zeit einplanen

Vieles geht bei Online-Veranstaltungen recht schnell: Ankommen, Präsentation teilen, Gruppenaufteilung, Verabschieden. Das ist für die Arbeit mit DE-DGS-Verdolmetschung nicht immer von Vorteil, da zeitgleich zum inhaltlichen Input die Technik organisiert werden muss. Tipp: Nicht hetzen. Genug Zeit für Orientierung und technische Absprachen und Anpassungen einplanen. 

Wenn eine digitale Präsentation geteilt wird, sortieren sich oftmals alle Fenster um. Hier immer einen kurzen Moment Zeit zur Orientierung lassen. Lasst auch zwischen den Folien etwas Zeit (siehe: „Pausen bei Präsentation“).

Gruppenarbeit planen

Wenn geplant ist, dass die Gruppe in digitale Kleingruppen (Break-out-Rooms) aufgeteilt werden soll: bitte absprechen, ob und wie sich die Dolmetschenden aufteilen, wenn die Tauben Teilnehmenden zum Beispiel in unterschiedliche Gruppen gehen. Stellt nach „Raumwechseln“ sicher, dass weiterhin die Technik bezüglich der Verdolmetschung richtig klappt. 

Antidiskriminierung in der Praxis entwickeln

So viele Informationen! Wenn ihr euch neu ins Thema einarbeitet, schwirrt erstmal der Kopf. Aber wir versprechen euch: die Organisation wird mit jeder Veranstaltung leichter. Bestenfalls knüpft ihr Kontakte und habt in Zukunft viel schneller Personen zur Hand, die ihr für Beiträge, Verdolmetschung, für eine Videoankündigung oder auch für Beratung anfragen könnt. Wir wünschen euch viel Erfolg und gutes Netzwerken!
Falls ihr nun Lust bekommen habt, euch mehr mit den Themen Audismus (Diskriminierung Tauber Menschen), Taubenkultur und Gebärdensprachen zu beschäftigen, haben wir hier für euch:

Links zur Recherche

Links International

Selbstvertretungsorganisationen

Verschiedene DGS-bezogene Dienstleistungen (z.B. DGS-Videos und Verdolmetschung)

Weitere Links Social Media

Über diesen Leitfaden

Dieser Leitfaden ist eine Kooperation von kultur_formen und Diversity Arts Culture. Er wurde von Lisa Scheibner und Alex Giebel erstellt. Er ist in Zusammenarbeit mit Silvia Gegenfurtner entstanden.

Der Leitfaden ist Teil einer Serie zu barrierefreiem Veranstalten. Hier geht es zu weiteren Leitfäden: